Sonntagssturm

Der Sonntag geht gemütlich seinen Gang. Der Sturm draußen scheucht die Leute von der Straße. Nur die, die müssen bewegen sich, mit oder gegen den fauchenden Wind. Gestern war es ähnlich. Die Wetteransage heute: wenig Änderung. Gestern konnte ich mich nicht zurück halten. Ich stieg aufs Rad. Meine letzte Sturmfahrt? Heute will ich es wieder wissen!

Vom Haus weg schiebt mich der Wind. Mit dem Winddruck im Rücken brauche ich nur noch zu lenken. Nach wenigen Sekunden ändert sich die Richtung. Eine Bö erfasst mich von der Seite. Sturzgefahr. Gegensteuern gelingt gerade noch so. Wieder faucht der Sturm. Alte Reflexe werden wach. Gewicht verlagern. Unsicher. Bleibe oben. Ich kann es noch. Der Sturm kann mich mal.
***

In der Wohnung ist es gemütlich. Frühstück am Sonntag. Der Sturm lärmt, drückt an die Fenster. Die Straße unbelebt. Bäume, Büsche beugen, biegen sich. Müll treibt, tanzt, wirbelt durch die menschenleere Häuserzeile. Dann traut sich eine Frau mit ihrem Hund hinaus. Beide drücken sich durch den wilden Wind.
Der Kaffee schmeckt angenehm bitter. Wohlgefühl. Leichte Musik unterstützt meine Stimmung. Draußen grau, Regen, Wolkenberge wandern hastig. Regenwasser klatscht an die Fenster.
Ich werde unruhig. Die tobende Luft lockt mich weg. Ich will raus zu Wind und Wetter. Zu lange ist es her, dass ich mich mit Sturm und Regen angelegt habe. Die Handgriffe sind noch nicht verlernt. Nun bin ich mit dem Rad sturmklar. Rauf auf den Sattel und eine Bö schiebt mich an. Der nächste Windstoß drückt mich aus der Spur. Ich brauche viel Platz. Links, rechts. Ich schwanke hin und her. Bremsen, den Körper in den Wind drückend. Meine unsichere Wackelei hört auf. Jetzt komme ich in den Rhythmus, den der Wind vorgibt.

März 2022 aus meinem Zettelkasten

Image by Joshua Woroniecki via Pixabay, https://pixabay.com/photos/storm-mountains-fall-peak-color-4290689/, aufgerufen am 21.08.2025