Das Reh

Auf holprigem Katzenkopfpflaster fahre ich spazieren. Links und rechts unterhalten Bäume und Buschreihen die Augen. Nach Hause wollend biege ich auf eine Betonspur ab. 
Kahle Flächen links und rechts. Stürmischer Gegenwind empfängt mich. Kein Busch, kein Strauch gibt mir Deckung. Der fauchende Wind ist mein Spielpartner. Eigentlich normal für mich. Nur treten, nur plattes Land. Ich habe zu tun. Ganz vorne steht etwas bräunliches herum. Scheint ein Krautbüschel zu sein. Weit weg. Der Wind fordert mich. Nur nicht von der Spur drücken lassen. Das braune Etwas wird größer. Es ist aber nichts zu erkennen. Noch zu weit. Der Wind verlangt alle Kräfte, Kopf nach unten. Kraft sparen. Wieder ein Blick nach vorn. Das Braune entpuppt sich als ein Körper. Er rührt sich nicht. Weiter.
Wieder ein Blick nach vorn. Nun erkenne ich einen weißen Fleck. Bin immer noch weit genug weg. Der Körper zeigt Formen. Jetzt erkenne ich ihn, ein Reh. Es steht seitlich des Weges, sucht nach Nahrung, den Kopf nach unten.
Nun ahne ich, es bekommt von mir keine Witterung. Ich drossele mein Tempo und fahre langsam heran. Unveränderte Haltung des Tieres. Ringsum nur plattes Land. Nur wir beide hier.
Was mache ich?
Es scheint auch meine Fahrgeräusche nicht zu hören.
Noch dichter heran. Gleiche Höhe. Ich könnte ihm jetzt den Rücken kraulen. Der weiße Spiegel reizte schon mit der Hand anzufassen. Ein großes Tier und es erschrecken? Auf dem Kopf Hörner. Jetzt Haut fast an Haut. Das Vorderrad auf Kopfhöhe. Erst jetzt bemerkt mich das Tier. Erschrickt. Springt auf. Kommt in die Höhe. Auge in Auge. Es ist erschrocken, ängstlich. Jetzt rolle ich vorbei. Nur keine Fehler machen, sonst könnte ich stürzen. Der Bock ergreift die Flucht. Ich atme erleichtert auf. Er wahrscheinlich auch.

13.Januar 2023


Image by Artur Pawlak via Pixabay, https://pixabay.com/de/photos/reh-rogen-hirsch-tier-s%C3%A4ugetier-8178919/