Mein ehemaliges Leben

Gestorben bin ich nicht. Im Gegenteil. Ich habe zwei Leben, ein jetziges und ein ehemaliges. In meinem jetzigen Leben lebe ich, bin also und denke auch noch. Die vorherige Zeit ist zwar auch mein Leben, aber nicht mehr jetzig, sondern ehemalig.
Ich kann mich als mein eigenes Märchen denken. Ich kann von mir sagen: „Ich war einmal...“ Ich habe bereits mein eigenes Ich verlebt. Ein ehemaliger Mensch. Leben und ehemalig?
Besser, ich wäre ein Gestriger. Einer von gestern oder vorgestern wird nicht ehemalig.
Ich aber, ich war einmal... oder märchenhaft gesagt: „Es war einmal ein Ich… und dieses Ich war Ich, wenn auch leicht verwirrt durch ehe- und dunnemals.
So ist es mit den Zeiten. Kaum hat ein Mensch sie begriffen, wird das Leben gedreht und gewendet. Habe ich das richtige Leben zur falschen Zeit gelebt, oder das falsche Leben zur rechten Zeit. Mit dieser Verteilung von Zeit und Leben schlägt sich unsereiner herum.
Ehemalige Wende? Sagt jemand ehemalige Wende?
Bis zu dieser Wende ist alles ehemalig, sagen wir mal für vierzig Jahre.
Nur wir hierzulande können märchenhaft sagen: „Es war einmal...“, um dann sinnig, nachdenklich zu ergänzen:
„Nur wer einmalig und ehemalig gelebt hat, kann sich eine neue, andere Lebenszeit leisten.“ Sozusagen die Auferstehung des eigenen Ichs.
Auch das ist klar, Leute, die schon immer im Alten ausgehalten und kein ehemaliges Leben nachzuweisen haben, werden auch immer alt aussehen.
November 1999
Image: KI-Bild erstellt mit chatGPT, OpenAI, am 25.08.2025