Ein Gedicht im Rechner

Schreiben heißt nicht schreiben. Diesen Satz wird das Genie mehr gesprochen als geschrieben haben.

Eine Idee durch ein Textverarbeitungsprogramm zu schicken, auf dem Bildschirm Schrift zu setzen, ist das noch schreiben? Schreiben mit der Hand des nervösen Körpers das ist aufregend, beinahe abenteuerlich, selbst gezogene Striche! Eine Handschrift. Ich habe mich in den Jahrzehnten Schreibarbeit an bestimmte Schwächen gewöhnt. Ich habe nicht mehr die nötigen Kommata gesetzt. Meine Hand ließ an dieser Stelle eine größere Lücke. Lücke gleich Komma. Viele wussten es. Es war ein Reflex. Ein Kommareflex. Wie er sich entwickelt hat, weiß ich nicht. Ich setze kein Komma, ich kann das gar nicht mehr. Die Regeln kenne ich nicht. Die damals gelernten sind vergessen und heute. Ich brauche eine andere Hand. So ist es mit den Händen, ein ganzes Leben schleppt man sie mit sich herum und dann merkt man sie sind nicht auf der Höhe der Zeit..

Kommalücken im Computertext. Wer will das schon?

Meine handgeschriebenen Texte stehen für mich. Ruhige, schöne oder hektische nervöse durch Zeitmangel und Kugelschreiber vermurkste Schriftzüge.

Genies schrieben ihre Überlegungen und Formeln auf Zeitungsrändern, Bierdeckeln, Servietten. Ihre Spur der Papiere auf der Gedanken formuliert, gestrichen, ergänzt wurden sind nachvollziehbare Lebendigkeit. Von Hand gemachtes, Handarbeit.

Im Rechner ist alles spurlos korrigierbar. Texte ohne Geschichte.

Zeit ist Bit. Schneller, schneller. Die Hand bleibt, aber meine Schrift ist es nicht. Nur der Text ist von mir. So gesehen ein Handtext. Noch.

1996

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