Die Romantik und der Müll

02.02.16
Der Waldweg ist abgetrocknet. Der Wind schiebt. Er orgelt durch die Bäume spielt eine rauschige Sinfonie. Nebenbei kommen meine Gedanken in Fahrt. Verstand und Geld ist auf einmal das Thema. Die elektronisch gesteuerten Bankhäuser können das normale Leben nicht mehr verstehen. Sie wollen Geld regnen lassen und der Müll legt sich wie eine zweite Haut über das Land.
Eine blasse Sonne knapp über dem Horizont ohne Wärme aber mit vergrautem Licht blickt über Stadt und Land. Die Wildgänse fliegen in ihren Keilformationen nach Süden. Versprengte kleine Gruppen taumeln durch die Luft, suchen den Kontakt. In den höheren Etagen der Atmosphäre jagen die Flugzeuge, kreuz und quer, zeichnen Kondensstreifen in das müde Blau. Flugdreck.
Dann kommt noch eine innere Stimme auf dem Feld, die mich fragt, wie man Gefühle und Gedanken, die unterwegs sich einstellen in eine entsprechende weiche Sprache schreiben kann. Die Wörter sind zu hart, aber so ist die Wirklichkeit. Träume sind eine andere Dimension. Bleibt mir nur so zu schreiben, dass daraus wieder ein Traum, diese weiche Dimension wird.
Wieder diese Feldallee. Die Bäume Eichen, Kirschen, Pappeln und mehr werden vom Wind zum Rauschen gebracht. Jeder Baum dröhnt und stöhnt in einer anderen Tonlage. Ich bleibe und genieße die orgelnde Windharfe.
09.02.16
Ich bin ich wieder in meiner Feldallee. Der Wind geht andante, mäßiges weiches Rauschen in den Bäumen. Dann diese Bö, staccato, ruppige, ächzende schon brüllende Windoper. An kleinen Zweigen knistern die Knospen.
Am Ryck entlang gegen Wind fahrend. Nicht leicht. Vor mir eine Läuferin groß schlank und stark. In der engen Kleidung spielen alle Muskeln, Körpermusik.
20.04.16
Am Anleger in Ludwigsburg, die Schrottboote nicht mehr zu sehen. Eine Frau in voller Wanderausrüstung zu Fuß unterwegs. Das Licht überklar. Ein überblauer Himmel. Das ist das Licht, das die Maler zum Schwärmen bringt.
Lunatscharski hat sich zur Romantik geäußert. Heine war für ihn der größte Romantiker.
28.04.16
Beim Suchen in den Regalen den Carus entdeckt und gelesen. Bis jetzt ihn nur als Wegbegleiter von CDF gesehen. Er ist ein vielseitiger Alleskönner. Ein Genie, ein universell denkender Mediziner, Wissenschaftler und Künstler. Warum habe ich bis jetzt nur den Maler beachtet?
17.05.16
Am Nachmittag auf dem Rad werde ich mit Erinnerungen zugeschüttet. Selbst alte hundertmal gesehene Ecken bekommen heute eine andere Sicht. Sie werden wieder romantischer. Momente für das andere Sehen. Kann ich es wieder wagen die Bilder aufzurufen, die heute mir zu gelaufen sind. Der Blick heute übervoll mit Erinnerungen, die bisher sich erlaubten zu ruhen und sich nicht zu rühren.
01.06.16
Am Feld starke Farben: Klatschmohn, Kornblumen, Kamille und frische grüne Gerste, Ein Bild für Künstler aller Sparten.
03.06.16
Gestern habe ich auf dem Rückweg eine Radfahrerin gesehen wie ich sie schon lange nicht gesehen habe, eine Gestalt für ein Gemälde, ein Gedicht oder ein Foto der besonderen Art.
06.06.16
Am Wasser entlang blüht und grünt es prächtig. Salzflora, ich nenne sie mal Strandnelken, Heckenrosen und, und… . Ich nenne diese Fahrt „Tour der Sinne“. Ein unwahrscheinliches helles Licht lässt selbst auf Rügen alles klar erkennen. Auf dem Bodden ein Bagger. In Tremt Kiter, die sich voll dem Wind hingeben. Zum Baden haben wir beide keine Meinung. Das ursprüngliche Ziel ist Rügen und dort der Palmer Ort. Bei dem Wind und der späten Zeit wird das Ziel gestrichen. In Stahlbrode gegessen und getrunken.
12.06.16
Die gestrige Mittsommernacht zeigte wieder ein Purpur mit der Stadt als Silhouette. Das Indigo darüber steht noch für die Sonne hinter dem Horizont. Dunkle Nachtwolken fingerten sich in das Indigo. Einige Stadtlichter blinkten in das nächtliche Spiel, funkelten hin zu dem Geglitzer im All.
13.06.16
Da fällt mir der Otto Rungesatz wieder ein: „Wir sind keine Griechen mehr.“ Sie lassen einfach nicht los, diese antiken Konflikte. Scheinbar hat sich nicht viel geändert, nur die Mittel sind andere. Die Zivilisation bleibt in irgendwelchen Grundkonflikten hängen. Für mich als Landschafter werden die Konflikte und Kämpfe in den Landschaften ausgetragen. Soll es aber die Tragödie werden oder sein, die in der Romantik benannt wird? Zivilisation zerstört Landschaften. Sind die Steppen oder Wüsten schon Produkte der damaligen Zeit? Was hinterlassen wir außer Müllberge, verseuchte Böden und Gewässer? Geldscheine produzieren keinen Sauerstoff oder sind irgendwie Lebensgrundlage.
07.07.16
Ich fahre auf diesem Strandweg in Richtung Riems. Auf einmal sehe ich lila bis rosa Blüten auf dem Weg stehen einzeln und in Gruppen. Ich vermute Grasnelken. Sie sind schon eine Rarität laut Pflanzenbuch. Ein paar weitere finde ich an einem Infopunkt, der eigentlich keiner mehr ist. Die Karten sind von der Sonne ausgeblichen. Die eine Bank kaputt. Ich mache doch eine kleine Pause, sehe mich um. Der Schilfgürtel wird auch immer breiter. Die Gräben führen überdüngtes Wasser in den Bodden. Eines Tages steht und stinkt nur noch starke Brühe. Bei dem Tempo wächst der Bodden bald zu. Er wird dann als Moorbiotop gefeiert werden. Die Beschreibung passt.
13.08.16
Ein besonderer Sonnenuntergang beeindruckte mich wieder. Eine graurötlich diffuse Wolkenwand in mehrere Schichten zerlegt, hing als Vorhang im Norden. Die Sonne, glutrot, hatte es eilig in den dunklen Resthimmel, ein dunkler Wolkenstreifen über dem Horizont, abzutauchen. Später zerlegte der Nordhimmel sich in waagerechte helle und dunkle Streifen. Wolkenbänke. Das Helle, der klare Nordhimmel, dem man ansieht, dass es Herbst wird. Der Sonnenkreis wird deutlich kleiner.
02.05.18
Klarer Blick, was sich so zeigt, Formen und Farben. Da werden alte Gefühle wieder wach. Die Gefühle jetzt in Worte fassen, ist noch zu früh. Ebenso der Sonnenuntergang heute Abend. Der Horizont in hell und rot. Ein Schattenriss in rot und dunkelblau. Da fehlen Worte für das bizarre Bild. Das Stadtbild im Vordergrund bis hin zu den Windrädern, mehr Spinnweben, gleich in Rot getaucht. Silhouette, eine Gala von rot bis schwarz.
28.05.18
Herrlicher Sonnenuntergang. Purpur die Kugel. Garniert von Kondensstreifen. Der moderne Blick vermischt mit Romantik.
26.06.18
Der Abendhimmel wieder beeindruckend durch Wolkenbänke und ankommende Wolkenfetzen von der Ostsee. Die dunkle Wolkenbank im Nordwesten hat ein großes Fenster, durch welches das Abendrot hindurchleuchtet. Flugzeuge schießen am Himmel vorbei, in Unmengen. Mehr Kondensstreifen als Wolken da oben. Die helle Nacht öffnet das Gemüt, lockt in den Norden in den endlosen Tag.
27.06.18
Der Nordhimmel eine klare Nachtkuppel, nicht ein Wölkchen. Der Horizont mit einem Purpurpinselstrich übermalt. Nach oben immer dünner werdend, ein helles Indigo steigt in ein freundliches Abendblau.
Am Südhimmel steht das Vollmondgesicht und scheint zu grinsen. Ein paar Kondensstreifen kräuseln als Glatzengarnierung.
30.06.18
Der späte Abendhimmel wird von zerklüfteten schwarzen Wolken bedeckt, die am Horizont vom glühenden Rot umflutetet werden. In den Klüften leuchtet die Mittsommernacht hindurch. Eine wilde schwere schwarze rotweiße Nacht.
08.07.18
Die neue Lyrik wurde vorgestellt. Lyrik als Sensor einer neuen Denkweise. Weg von der Weltbeherrschungslyrik. Ich hätte ähnliche Beobachtungen gemacht. Das ist ein Thema für sich. Das braucht alle Sinne und neu denken. Wer ist das lyrische Objekt? Sollen die Reste der noch vorhandenen Natur gerettet werden? Man beginne mit der Romantik als Tendenz.
Das Wetter heute fast windstill, milde Wärme. Leichte Wolken und Windräder beim Einschlafen sind zu sehen. Es kribbelt in der Schreibzentrale sich diesem Thema zu widmen. Ich war ja schon woanders, da sollte man es wagen.
07.08.18
Diese Hitze greift meinen Körper an. Der B-Druck steigt. Die Nerven machen schlapp. Der Höhepunkt soll Morgen sein. Da helfen nur noch Eispackungen.
Am Abend eine Sendung gehört: Träume und Musik. Musik träumen. Die echte Romantik. Kann ich Text träumen oder ein Gedicht? Kann ich Lyrik träumen? Sie wäre noch am nächsten der Musik. Lyrisch träumen, das könnte dem Musikträumen sehr nahe kommen. Träumen als Erholung von der Wirklichkeit war wohl der Gedanke von Novalis. Ich war mehr der Tagträumer. Da wäre die Frage, Tag oder Nachträume wie sind da die Unterschiede. Tagträume sind bewusster als im Schlaf gesteuerte Bilder.
02.11.18
Der Wald kam mir heute fremd vor. Eine vollkommen andere Bilderlandschaft durch die Lichtspiele. Auch hinter dem Wald eine fremde oder verfremdete Landschaft wie ich sie selten erlebe. Die bestellten Felder, das frische Grün mit der niedrigen Sonne als Kulissenbeleuchtung. Frisch, fremd und rau dieser Eindruck. Das alles ist voll von Wirkung. Es fehlt mir heute der Einfall für eine gute Zeile oder Einfall für ein Gedicht. Zurück wieder in den Wald. Der leichte Wind wird gebremst. Die Blätter fallen nicht zu Boden, sondern schweben beschwingt zu Boden. Auffällig die Trockenheit der Gräben. Die Wege sind vom letzten Regen noch feucht sogar kleine Pfützen sind noch vorhanden. Der Boden wird aber nur angefeuchtet sein. Dann schiebt sich in dieses Idyll ein Auto stinkend durch dieses schöne Farbenspiel. Es ist schnell vorbei mit dem Farbenrausch.
05.12.18
Am Morgen ein wunderbarer Sonnenaufgang. Eine milde Stimmung in der Farbe. Mir kam die Farbe spontan „romantischrot“ in den Sinn.
10.01.19
Am Abend Fernsehen. Der Harald Lesch sprach über KI und Algorithmen. Es fiel auch der Satz: Das Internet als Kloake der Menschheit. Die Menschheit muss abwracken, um zu überleben.
05.05.19
Hinter dem letzten Haus beginnt ein riesiges Rapsfeld. Eine knallgelbe Fläche. Gleichzeitig empfängt mich eine chemische Ladung Gestank. Der Gestank bleibt trotz Nordwind. Das Feld riecht von der südlichen Seite. Rechts starker Nordwind vom blauen Bodden her. Vor mir geht eine Frau. Wie hält sie die Chemie aus? Als ich auf gleicher Höhe bin, grüßen wir uns freundlich. Zu erkennen ist sie nicht, dunkel Brille. Sie könnte es sein, mit der ich mich vor Jahren hier fast an der gleichen Stelle über Wildschweine unterhalten habe. Der Gestank lässt mich nicht halten. Ich beobachte das Feld und den Weg genauer. Keine Insekten, keine Vögel. Doch auf den endlosen Weg sehe ich zwei auf dem Weg. Einer flog in den Raps. Kein typischer Rapsduft, keine Insekten oder Bienen. Wer oder was soll die Blüten bestäuben? Mir fällt das Märchen vom König ein, dem alles was er berührte zu Gold wurde und er verhungern musste.
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