Urlaub. Ankunft. Kommen aus dem nüchternen Norden. Als erstes höre ich Napoli. Musik im Namen. Quirlig empfängt uns eine musikalische Sprache. Sie schmeichelt uns. Auf dem Bahnhof werden wir bereits erwartet. Ein junger Mann steht am Ende des Bahnsteiges mit unserem Namen in der Hand. Wir sind nicht das erste mal hier in Napoli. Wir lassen uns vom Flair dieser Stadt begrüßen. Wir bleiben aber nicht hier. Es geht zum Hafen. Unser Ziel ist die Insel Ischia im Golf von Neapel. Nüchtern gesagt. Heute sagt unser Fahrer geht es nach Pozzuoli. Dort fährt unser Schiff ab. Bis dahin müssen wir durch die Stadt. Vom Verkehr durch die Stadt habe ich bisher nur gehört. Als erstes fallen mir die Autos auf. Verbeult, zerschrammte Karossen. Karrierebleche sind hier unwichtig. Die Fahrzeuge drängeln sich durch den Verkehr. Unser Fahrer fährt hinter einer Straßenbahn. Sie sorgt für eine freie Spur. Links und rechts ein Fahrzeugchaos. Jeder der kann, sucht sich eine Lücke. Rechtsverkehr kann, muss aber nicht sein. Motorräder wieseln sich noch dazwischen. Ich schaue mir unseren Fahrer an. Vollkommen ruhig. Auch draußen auf der Straße keine Hektik. Gesichter ruhig. Polizisten sehe ich auch, sie blicken fast gleichgültig in das Getümmel. Fußgänger wechseln die Straßenseiten durch dieses Chaos. Ruhig und gelassen. Fußgänger kommen heil durch dieses Wirrwarr. Unaufgeregt auch wenn sie sich manchmal auf Autos abstützen müssen oder mit einer Motorhaube Kontakt haben. Unser Fahrer sieht uns ab und an mal an, lächelt, konzentriert sich wenn die Fahrzeuge verkeilen und es dauert bis sich der Knoten wieder entfitzt. Keiner ruft nach irgendwelchen Ordnungskräften wegen Lack oder Blechschäden. Das Auto ist hier ein Gebrauchsmittel. Es muss fahren. Egal wie verbeult das Auto ist. Das reicht. Diese Gelassenheit in diesem Chaos gefällt mir. Es ist der normale Alltag. Eine Erfahrung mehr. Wir schaffen unser Schiff pünktlich, als wären wir vollkommen gerade aus gefahren.
Später lernen wir auch diese Gegend genauer kennen. Dann sind es die „Phlegräischen Felder“ die uns interessieren. Im Hafen bemerken wir Kaikante und die Höhe des Schiffes harmonieren nicht. Uns wird gesagt das sich der Boden je nach Erdbeben hebt oder senkt. Die Leute nehmen es so wie es kommt. Über das Auf und Ab werden wir informiert. Herzlicher Abschied von unserem Fahrer. Draußen auf dem Wasser weht ein kräftiger Wind. Zu sehen gibt es an der Küste genug. Die Insel Ischia ist uns nicht unbekannt. Richtig kennen lernen ist natürlich in ein paar Tagen nicht möglich. Dieses Flair ist für uns ungewöhnlich. Die Leute und das Hotel sind uns schon vertraut. Der vulkanische Ursprung der Insel ist ihr anzusehen und zu spüren. Jetzt könnte man über alles gesehene gehörte und erwanderte ein Buch schreiben. Erfassen könnte man sowieso nicht alles. Land und Leute sind eine Welt für sich. Wir wollen noch mehr von der Insel sehen und erleben. Als Radfahrer fällt mir auch gleich auf, die Insel wird nur von wenigen Radlern befahren. Eigentlich fahren sie immer auf der Küstenstraße hin und her. Bergauf ist auch kaum möglich. Vulkanische Flanken laden nicht gerade zu einer gemütlichen Tour ein. Die Straßen voll Autos. Trotzdem ich will es probieren. Nachdem ich wusste, wo man sich ein Rad ausleihen konnte, beim Autoverleih, war ich nicht mehr zu halten. Der erste Tag war ein Sonntag. Weniger Verkehr. Erste Fahrten auf der Küstenstraße. Schöner Kontrast. Unten das Wasser nach oben die Berge. So kann ich die Insel auch kennen lernen. Die erste Überraschung. Die Autofahrer hupen, geben Signal wenn sie überholen. Bleiben auf Abstand beim Überholvorgang. Ich bin angenehm überrascht. Auf deutschen Straßen ist das die Ausnahme. Ich fühle mich sicher. Hier werde ich akzeptiert. Ein vollkommen anderes Fahrgefühl.
Nächster Tag. Die Straße kenne ich ja schon und verlasse sie. Jetzt fahre ich Wanderwege aufwärts. Eine andere Landschaft empfängt mich. Meter für Meter schraube ich mich nach oben. Eine exotische Fahrt. Radwandern ist meine Welt. Bisher nur im Norden. Der Süden überrascht mich bei jedem Tritt. Ich möchte so weit, wie ich es schaffe. Unbegreiflich für mich diese Landschaft. Ich muss mich aber auf den Weg konzentrieren. Rechts liegt unter mir das Meer. Ich rolle auf eine Straße. Das Ortsschild „Forio“. An einem Aussichtspunkt bleibe ich stehen. Das Meer liegt weit unter mir. Der Blick über das Wasser unendlich aus dieser Höhe für einen Flachländer. Jetzt bin ich der staunende und genießende Fußgänger. Dreihundert Meter über dem Wasser. Die Sonne flimmert über den Golf von Neapel, das Mittelmeer und ich bin mit dem Fahrrad unterwegs. Unfassbar. Bis vor kurzem fast unmöglich. Diese Insel aufwärts erlebe ich jetzt vollkommen anders. Sonst waren wir nur mit dem Bus hier. Jetzt kreise ich mit dem Rad und blicke immer wieder auf das Meer aus dieser Höhe. Irgendwann muss ich ja auch zurück ins Hotel in Ischia Porte. Ich suche die Straße, die nach unten führt. Finde sie auch.
Der Ort liegt hinter mir. Ich rolle schon abwärts, sehe noch das Schild das Straßengefälle wird angezeigt. Sehe noch 36%. Halten nicht mehr möglich. Es ist eine Schussfahrt. Bremsen, die Handgelenke schmerzen. Kaum eine spürbare Verzögerung. Ein paar Serpentinen beruhigen scheinbar. Ich rausche abwärts auf einen Kreisverkehr zu. Voll mit Autos. Sie stehen, haben sich verkeilt. Ich sehe noch eine Lücke, noch eine und bin quer durch den Kreisel. Am Wasser, am Mittelmeer komme ich zum stehen. Langsam komme ich zur Besinnung. Es war schlimmer als Achterbahnfahren. Ich trudele in Richtung Hotel. Bei der Übergabe des Rades wollte der Mann wissen, wo ich gewesen war. Als ich Forio sagte, schlug er die Hände über den Kopf zusammen und hatte nur noch ein entsetztes „Mamamia“ auf den Lippen.